Presseerklärung
vom
17. Februar 2004
Verurteilte
Sexualstraftäter in Berlin
Für
Sexualstraftäter härteste Strafen zu fordern, ist seit
einiger Zeit Mode.
Deutlich
seltener wird die Frage gestellt, welche Sexualstraftaten
überhaupt abgeurteilt
werden, und was danach in den Haftanstalten mit den Verurteilten
geschieht.
Der
Berliner Vollzugsbeirat (BVB), der im Rahmen seiner Aufgaben immer
wieder auf
Missstände in den Vollzugsanstalten hinweist, und bei deren
Beseitigung aktiv
tätig ist, weist auf Folgendes hin:
- Die
Anzahl der Sexualstraftaten gegen Kinder ist in den letzten Jahrzehnten
kontinuierlich gesunken; in den fünfziger und sechziger Jahren gab
es fast
doppelt so viele Fälle von Kindesmissbrauch, wie heute –
trotz seitdem erheblich
gesteigerter Anzeige-Bereitschaft. Auch die Anzahl der Sexualmorde an
Kindern
ist seit den siebziger Jahren von durchschnittlich neun pro Jahr auf
durchschnittlich drei pro Jahr zurückgegangen – obwohl die
Bevölkerungszahl der
Bundesrepublik aufgrund der Wiedervereinigung deutlich
größer wurde. Die Zahl
der durch sonstige, meist elterliche Kindesmisshandlungen
getöteten Kinder ist
dagegen sechs bis 10 Mal so groß. (Die Zahl der im
Straßenverkehr getöteten
Kinder beträgt wiederum ein Vielfaches davon: 1995 402, im Jahr
2000 240
Kinder)).
- Jede
Verletzung, insbesondere von Kindern, ist eine zuviel. Das Bild, das
(teilweise
pogromartige) Veröffentlichungen verbreiten, darf jedoch nicht
dazu führen,
dass der Verstand ausgeschaltet wird.
In
den überfüllten Berliner Haftanstalten befinden sich wegen
der genannten
geringen Fallzahlen wenige Sexualstraftäter. Die Anstrengungen der
Strafvollzugsbehörden sind allerdings enorm, diese Täter zu
einem veränderten
Verhalten zu bringen, bevor sie nach Strafverbüßung wieder
entlassen werden
müssen. So gab es in Berlin, im Gegensatz zu anderen
Bundesländern, schon lange
vor Inkrafttreten der gesetzlichen Pflichtregelung (am 01.01.2003) eine
Spezialabteilung zur Behandlung von Sexualstraftätern in Haft, und
ein
ausdrückliches Behandlungskonzept auf der Grundlage der
Erkenntnisse von
Therapeuten und Strafvollzugspraktiker/inne/n.
- Die
Anzahl der »Missbräuche&laqu0; von Vollzugslockerungen in der
Form, dass
Sexualstraftäter während der Haft erneut Sexualstraftaten
begehen, liegt nahe
Null. Dies beruht auf gründlichen, fachlich hoch qualifizierten
Vorbereitungen
und Prüfungen entsprechender Fragen. Vollzugslockerungen sind
allerdings
unverzichtbar, da sie die einzige Möglichkeit darstellen, noch
Einfluss auf die
Verurteilten auszuüben während sie gleichzeitig mit ihren
späteren Lebensumwelt
konfrontiert sind.(Die künstliche (Männer-) Welt der
Gefangenen in der Haft
kann zwar deren guten Willen trainieren, nicht aber Fähigkeiten)
- Der
Umgang der Gesellschaft mit Sexualstraftätern und ihren Opfern ist
irrational
und retrospektiv. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass für
die Verfolgung
von Tätern durch Polizei und Justiz mehr als das Tausendfache an
finanziellen
Mitteln aufgewendet wird, wie für die Entschädigung und den
Trost der Opfer,
deren Schmerz uns angeblich am meisten bedrückt: anlässlich
einer
Podiumsveranstaltung, die der BVB im November 2003 in der Berliner
»Urania«
zusammen mit u.a. einem Vertreter der Opferhilfe-Organisation
»Weißer Ring«
durchgeführt hat, wurden dazu zwei charakteristischen Zahlen
benannt: 730
Millionen € für den Berliner Justizhaushalt (alle
Gerichtszweige) im Jahr 2001;
dagegen standen ca. 160.000 € für die Beratung der Opfer und
die Zeugenberatungsstelle
in den Justizbehörden Moabit.
Unsere
Wut und Hilflosigkeit angesichts von Gewalttaten im Ruf nach lediglich
härteren
und nicht sinnhafteren Strafen zu artikulieren, ist eine teure und
wahnhafte
Sackgasse. Das hilft weder vergangenen Opfern, noch hilft es,
zukünftige Opfer
zu vermeiden. Die meisten (vier von fünf) »neuen« und
schwersten
Sexualstraftaten werden von Ersttätern begangen, nicht von bereits
Verurteilten, oder gar während des Strafvollzuges. Es sei
beispielhaft daran
erinnert, dass es in den USA aufgrund der kritiklosen Haltung zum
Strafen etwa
10 Mal so viele Gefängnisinsassen im Vergleich zur
Bevölkerung gibt, aber
dennoch deutlich mehr und schlimmere Kriminalität, als in
Deutschland.