
Offener
Brief zur Überbelegung im Berliner Männerstrafvollzug
an:
- Parteien im Abgeordnetenhaus
- Regierender Bürgermeister
- Senatorin für Justiz
- Leiter und Leiterinnen der JVA
- Pressestelle der Senatsverwaltung für Justiz
- Gefangenenzeitung "der lichtblick"
Anlage:
Auswertung
des BVB zur Praxis der »Zweidrittelentlassungen« in den Bundesländern
Sehr geehrte Damen und Herren,
Der Berliner Vollzugsbeirat (BVB) hat sich in seiner Juni-Sitzung mit
Richterinnen und Richtern der Strafvollstreckungskammer und des Jugendstrafvollzuges
erneut mit der Problematik der andauernden überbelegung im Berliner
Männer-Strafvollzug befasst.
Zentrales
Thema war das seit Jahrzehnten nahezu unverändert fortbestehende
Phänomen, dass in Berlin die Quote derjenigen Gefangenen, gegen die die
Strafvollstreckung
nachträglich zur Bewährung ausgesetzt wird
(»Zweidrittel-Entlassungen«), die
mit Abstand niedrigste in ganz Deutschland ist; sie beträgt
nicht einmal die Hälfte des Bundesdurchschnitts.
Der
BVB hält daran fest, dass die überbelegung der
Gefängnisse in Berlin und damit
einhergehende Probleme insbesondere mit einer Erhöhung der
Anzahl der
vorzeitigen Entlassungen nach den gesetzlichen Vorschriften
voraussichtlich zu
lösen sind.
Die Problemlagen und Aufgabenstellungen innerhalb der Vollzugsanstalten
sind weiterhin die gleichen, wie sie in den Stellungnahmen des BVB vom
07.09.2000 und vom 10.03.2005 vor dem Rechtsausschuss dargestellt wurden.
Zusammengefasst meint das:
- Es
gibt in Berlin offenbar eine Kultur größter
Zurückhaltung gegenüber
den gesetzlich vorgesehenen Möglichkeiten vorzeitiger
Entlassungen aus der Haft
bei den Haftanstalten und auch bei den Straf(vollstreckungs)-gerichten.
Wo andernorts realistisch mit nicht vermeidbaren Risikofaktoren
gearbeitet
wird, werden in Berlin häufiger absolute
Maßstäbe aufgestellt.
- Möglicherweise gilt das Vorstehende auch hinsichtlich der gesetzlich im
Betäubungsmittelgesetz (BtmG) vorgesehenen Haftentlassungen
mit dem Ziel von »Therapie-statt-Strafe«, da auch hier die Quoten in Berlin deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen.
- Der BVB vermisst ausreichende Anstrengungen der Anstalten des
Männervollzuges, die Vollzugsgestaltung jeweils zügig
zu betreiben und die
Vorgaben der Berliner Vollstreckungsgerichte für vorzeitige
Entlassungen mit
den Gefangenen zielgerichtet zu erarbeiten. Eckpunkte hierfür
sind nach unserem
Eindruck:
- Schaffung
von Arbeits- und
Ausbildungsplätzen im Vollzug zur Beseitigung der
Arbeitslosigkeit (bis zu 50%) und unrealistischer Arbeitsplätze (z.B. im Bereich »Kalfaktoren«);
- Vermeidung
der in jüngerer Vergangenheit
feststellbaren Zurückdrängung des Offenen Vollzuges
und seiner besseren
Resozialisierungsmöglichkeiten;
- Förderung
von »Therapie-statt-Strafe« für
Btm-Abhängige; Verbesserung der Kooperation von
Gruppenleiter/inne/n und
Haftärzt/inne/n mit Therapieeinrichtungen;
- Vermeidung von Wartezeiten zwischen Strafbeginn und Einweisungsuntersuchung;
- Motivierung und Umorganisation des Personals in den Haftanstalten
auf die Zielsetzung hin, die Resozialisierungsarbeit zügig zu
betreiben, Motivationen bei
allen Gefangenen aufzubauen und zu stützen, und Leerläufe in jeder
Hinsicht zu vermeiden (z.B. positive Vollzugsplanungen; zügige
Verlegung in die von der Einweisungsabteilung (EWA) bestimmten
Einweisungsbereiche; nicht ständig
wiederholte »Beobachtungszeiten« bei Verlegungen innerhalb des
Vollzuges).
- In Zeiten der knappen finanziellen Mittel ist eine effektive Vollzugs-
und Vollstreckungspolitik dringend notwendig. Sowohl der
vollzugsplanerische
Anreiz einer vorzeitigen Entlassung als auch die nachträgliche
Reststrafenaussetzung zur Bewährung motivieren Gefangene
erheblich zu gesetzestreuem Verhalten. Der Spareffekt betrifft
damit nicht nur den Strafvollzug, sondern ebenso die
Strafverfolgungsorgane und die Justiz.
Die aktuelle Situation im Berliner Strafvollzug kann unseres Erachtens mit
einem punktuellen personellen und finanziellen Einsatz zunächst
gewendet und anschließend konsolidiert werden. Bedingung ist, dass das
oben skizzierte Ziel konsequent verfolgt und von der Politik unterstützt wird.
Wir bitten Sie, in dem Ihnen zugängigen Verantwortungsbereich der
Politik und der (Justiz-) Verwaltung, das Vorstehende zu überdenken und
gegebenenfalls initiativ zu werden.
Berlin, den 28.06.05
| Dr. Olaf Heischel | Friederike Kyrieleis | Dr. Hartwig Grubel |
–Vorstand des
BVB für diesen –