Berliner Vollzugsbeirat

Internierungslager?
Britzer Impressionen

I


Um es vorauszuschicken: Wir finden kriminelle Handlungen nicht schön, wir finden sie nicht tolerabel. Wir sind auch der Meinung, daß jemand, der eine Straftat begangen hat, dafür verurteilt werden muß.


II


Wir sind nicht der Meinung, und wir werden uns immer dafür einsetzen, daß jemand, der seine Strafe, denn das ist die Sanktion, die die Gesellschaft für Fehlverhalten vorsieht, erfüllt hat, sein Leben lang diskriminiert wird. Er hat nicht nur eine Chance für ein straffreies Leben verdient, er ist verpflichtet, straffrei zu leben - aber unter normalen Umständen. Nicht stigmatisiert, nicht abgesondert. Und unter Umständen braucht er Menschen, die ihm dabei helfen. Das sind die Bewährungshelfer.
Bewährungshelfer treten immer dann in Aktion, wenn sich jemand während seiner Haft so verhalten hat, daß der Rest seiner Strafe ausgesetzt werden kann - allerdings muß er eine Zeitlang nachweisen, daß diese Entscheidung gerechtfertigt war – diese Zeit nennt man Bewährungszeit. Im übrigen: so gut wie alle Inhaftierten werden irgendwann auch wieder entlassen und leben dann, meist unerkannt, unter uns. So weit, so gut, die meisten, die so weit gelesen haben, werden dem vermutlich ohne Einwände zustimmen. Aber nun kommt es, und es kommt dicke.


III


In Britz soll eine Anlaufstelle für auf Bewährung Entlassene eingerichtet werden. Der Volkszorn kocht deswegen hoch, die Senatorin wird beschimpft, der zuständige Abteilungsleiter mit bitterem Gelächter bedacht. Alle fühlen sich bedroht, die Kinder müssen als Begründung herhalten, als wären nicht immer alle unter uns, die Straftäter, die bestraften und entlassenen Straftäter und die künftigen, die noch nichts getan haben, das aber demnächst nachholen werden. M.a.W.: man kann sie nicht erkennen! Aber schon die Zahl macht zittern: 3500 Mann sollen da betreut werden. Die kommen ja auch in Kolonnen an und machen die Gegend unsicher.


IV


Noch einmal: Die Beratungsstelle soll dazu dienen, daß ehemalige Straftäter sich wieder in die Gesellschaft eingliedern können. Das ist eine Aufgabe, die von allen unterstützt werden muß. Es sei denn, man schottet sich ab, baut eine Mauer um die Siedlung und engagiert eigenes Wachpersonal, das alle Fremden und Bösen fernhält, oder man ist dafür, keinen, der einmal im Gefängnis war, wieder in die Freiheit zu entlassen, sondern auf ewig zu internieren. Am besten wäre natürlich, über die Todesstrafe nachzudenken... Das wäre die Problemlösung an sich. Und alle könnten sich sicher und gut fühlen. Feine Gesellschaft!


V


Ach, ja die Gesellschaft. Alle, die nicht im Gefängnis waren, sind gut. Und wollen und sollen es auch bleiben. Dafür stehen auch namhafte Politiker. Wir wollen keinen Namen nennen, der wurde schon genannt. Aber wir sagen ganz deutlich: wenn jemand eine pöbelhafte Gesinnung und Haltung unterstützt, dann nennt man das Populismus. Es wäre im übrigen zu gleicher Ablehnung seitens der bitter Lachenden gekommen, behaupten wir nicht ohne Grund, hätte man ein Heim für behinderte Kinder dort hinstellen wollen. Wir stellen die bitter zu belachende Frage: Welche Entscheidungen haben wir eigentlich von Politikern zu erwarten, die, um mit Vater Luther zu reden, dem »gemeinen Mann auf der Straße« nicht nur »aufs Maul schauen«, sondern ihm nach dem Munde reden.


VI


Ähnliches konnten wir schon in Lichtenberg erleben, als die Anstalt Düppel (Offener Vollzug! - da sind die Gefangenen ohnehin nur über Nacht) dort vorübergehend unterkommen sollte. Diese Affären sind nicht nur peinlich, die Empörung ist erlogen. Nun denn...
Unsere volle Unterstützung hat in diesen Fällen die Senatsverwaltung für Justiz, denn sie wird in Berlin keinen Platz finden, an dem nicht Protestierer aufstehen werden, gleichgültig welche segensreiche oder wenigstens nützliche Einrichtung sie schaffen will. Die Alternative in diesem Fall wären Internierungslager oder bestenfalls Neusiedlungen zur Bewährung in der Taiga. Vielleicht helfen uns unsere russischen Freunde dabei, die für ihr vorbildliches Gefängniswesen bekannt sind.


Juli/August 2007


Der Vorstand