PRESSEERKLÄRUNG ZUR ENTLASSUNG DES
STAATSSEKRETÄRS FLÜGGE
Der Vorstand des Berliner Vollzugsbeirats (BVB) erklärt
anlässlich der Entlassung von Justizstaatssekretär
Flügge:
Wir bedauern die Entlassung, da mit ihr ein sehr kenntnisreicher
Fachmann für den Justizbereich und den Berliner Strafvollzug nicht
mehr zur Verfügung steht. Wir gehen davon aus, dass diese
Kompetenz in absehbarer Zeit fehlen wird und dass dies erheblichen
Schaden verursachen kann.
Die Gründe für die Ersetzung des Staatssekretärs
durch einen bisherigen Vertrauten der Justizsenatorin von der Aue, der
laut Pressemitteilungen bislang in deutlich anderen Bereichen
tätig war, sind uns nicht mitgeteilt worden.
Wir haben der Presse des Weiteren entnommen, dass eine verzögerte
Umsetzung einer Anweisung im Zusammenhang mit dem »Medikamentenskandal«
und unterschiedliche Auffassungen über die Zusammensetzung einer
dafür gebildeten Untersuchungskommission Gründe für die
Entlassung des Justizstaatssekretärs gewesen seien.
Dass daraus bei jemandem, der die Person und Verhältnisse noch
nicht kennt, Misstrauen entstehen kann, ist nachvollziehbar. Dass in
der gegebenen Situation einer erst kurzen Amtszeit der Senatorin daraus
eine Entlassung des sowohl fachlich qualifizierten als auch engagierten
Justizstaatssekretärs folgen sollte oder gar müsste, ist von
uns so nicht nachvollziehbar. Den Stand bezüglich der
Aufklärung der Vorfälle in der JVA Moabit innerhalb der
Senatsverwaltung für Justiz kennen wir nicht.
Hinsichtlich der in der Presse im gegenwärtigen Kontext
berichteten Mängel des Berliner Strafvollzuges und kolportierten
Gerüchten über solche können wir aus unserer Arbeit
feststellen:
- Der Berliner Vollzug weist erhebliche Mängel auf. Die
Gesellschaft außerhalb der Mauern auch. Zu Letzterem erinnern wir
an die Bildungs-, Ausbildungs- und Integrationsmisere und die
Vernachlässigung der nicht von Hause aus bevorzugten jungen
Menschen.
- Der Berliner Strafvollzug ist aus zivilisatorischer Sicht nach unserem
Eindruck den Strafvollzugsgestaltungen in den meisten
Bundesländern deutlich voraus.
- Die schlimmsten Dinge - wie etwa Doppelbelegungen, zu wenig
Arbeitsplätze für Gefangene und zu wenig Personal - sind
hauptsächlich von der Politik zu verantworten. Da die Politik sich
im Bereich des Strafvollzuges wesentlich von der veröffentlichten
Meinung zum Umgang mit Straftätern leiten lässt, ist es schon
ein Verdienst der bisherigen Justizverwaltung samt dem entlassenen
Staatssekretär, dass die Verhältnisse in Berlin nicht noch
schlimmer sind.
- Der Berliner Vollzugsbeirat setzt sich im Rahmen seiner
Möglichkeiten und Kompetenzen kontinuierlich intern und in der
Öffentlichkeit für die Beseitigung von Missständen im
Vollzug ein. Die Resonanz ist überwiegend mäßig, da die
Gesellschaft in großen Teilen seit einigen Jahren wieder eher zu
vor-zivilisatorischen Rachegelüsten und übersteigertem
Sicherheitsdenken neigt, statt zu einem rationalen Umgang mit
Kriminalität und Kriminellen.
- Deutliche Anzeichen für die Irrationalität sind die
Überbelegung der Haftanstalten, obwohl die Kriminalität seit
Jahren (möglicherweise wegen der Überalterung der
Gesellschaft) zurückgeht, und der öffentliche Ruf nach
härteren Bestrafungen von jungen Straftätern, statt ihrer
Resozialisierung.
Dr. Heischel Dr. Linkhorst Dr. Grubel
Berlin, den 14. Februar 2007